Freitag, 8. Mai 2015

2 Wochen nach Embryostransfer Teil 1

In der nächsten Woche hatte ich gerade Ferien von der Uni, so konnte ich ohne die Vorlesungen zu versäumen, zu Hause entspannen. Ich absolvierte den Unterricht im Ministerium, der Saal wurde natürlich gerade vorher frisch gestrichen, und es roch unheimlich nach Farbe und Chemikalien, aber ich versuchte, mir darüber keine Sorgen zu machen.
Ausserdem ging ich nirgendwohin – ich bin zu Hause geblieben, las an einem Buch, bereitete mich auf ein Referat an der Uni vor, malte an meinem Bild über den kleinen Garten. Ich ass viel Fleisch und trank ausschliesslich Kamille und Hagebuttentee. Ich habe Schwarzen Tee, Cola und Fertiggerichte gemieden (Kaffee trinke ich sowieso nicht)... Hab’ auf mich aufgepasst. Ich wagte nicht einmal zu niesen – ich hockte, nur in der Position gab ich mir selbst die Genehmigung dafür, damit mein Bauch nicht ins Schütteln kommt.
Ich fühlte mich wohl, mir fehlte nichts. Ich nahm meine Tabletten, benutzte die Vaginaltabletten dreimal täglich, danach legte ich mich für eine Viertelstunde auf das Sofa, damit  nichts  wegfließt.
Ich hatte keine Hyperstimulation, mein Bauch ist jedoch größer geworden – meine Knochen an den Hüften, die, da ich so dünn war, schon immer zu sehen waren, sind plözlich verschwunden!
Ich habe beschlossen, wegen Erika kein Abschied von dem Internetforum zu nehmen, obwohl die Gefahr da war, dass sie mein Tagebuch im Netz findet und so alles über meine Familie und meine Seelensschmerzen erfährt. So kann sie meine erste Leserin werden, der ich persönlich nicht gerne meine größten Geheimnisse mitteilen würde.
Ich wollte aber auf keinen Fall entlaufen, so informierte ich weiterhin täglich die anderen im Internetforum und ich „hörte“ ihnen auch zu, besonders meinen beiden Leidensgenossen, die mir am nähesten waren – den beiden also, die eine Woche vor mir beziehungsweise drei Tage nach mir den Embryotransfer hatten.
Leider hatte ich die Sache mit Erika die ganze Zeit irgendwo im Hinterkopf, obwohl es mir klar war, dass ich mich damit nicht beschäftigen durfte. Es kränkte mich auch, dass Ádám am ersten Tag nicht angerufen hatte, und seitdem hat er mich auch nicht an den Händen getragen, wie es zu dem Held eines rosaroten Liebesromans passen würde: es gingen bereits sieben Tage vorbei, und er hat in der Wohnung immer noch nicht staubgesaugt! (Ich traute mich nicht an den Staubsauger.)
Meine Freundin Zsuzsa meldete sich auch  die ganze Woche lang nicht mehr. Eigentlich wusste ich nicht, inwiefern ich all das, was sich in mir bewegte mit ihr teilen könnte, dachte trotzdem, dass es nicht schön von ihr ist, dass sie sich nicht nach mir erkundigt.
Es zeigte sich jetzt erst, wie anders wir zueinander stehen. In den letzten drei Wochen sind nämlich ihre Eltern weggefahren, und sie blieb alleine im riesengroßen Haus. Ich habe sie jeden zweiten Abend angerufen, damit sie sich nicht so alleine fühlt, und einmal lud ich sie  ein, ohne dass sie vorher von mir für mehr Aufmerksamkeit gebeten hätte. Ich dagegen habe ihr früh genug Bescheid gesagt, dass ich Anspruch auf eine Sonderbehandlung für die zwei Wochen nach der Einpflanzung haben werde, trotzdem rief   sie mich nicht an.
Ich habe versucht, den versammalten negativen Gefühlen einen Damm entgegenzusetzen, und habe nach einer Woche selbst Zsuzsa angerufen. Ich fragte sie, wie es ihr gehe, aber sie spürte an meiner Stimme, dass ich nicht so freundlich wie sonst war. Als sie mich fragte,  was los ist, erzählte ich ihr, dass es mir weh getan hat, dass sie nicht telefoniert hat.
Sofort wies sie die Schuld zurück: das war ihre erste Reaktion. Danach haben wir noch ein bisschen geredet, und nachdem wir den Hörer abgelegt hatten, schickte sie mir nach einigen Minuten eine Entschuldigung per SMS. Und ich verzieh ihr. Zwei Tage später rief sie an, und ich sagte ihr, dass ich irgendwann am Wochenende das Ergebnis erfahren würde. Ich verriet ihr nicht, dass ich bereits am Dienstag zur Blutprobe gehen werde.

Bei der Einpflanzung wollte ich überhaupt nicht daran denken, dass die 14 Tage, an denen man das Recht zur Hoffnung hat, einmal zu Ende gehen werden. So haben wir den Arzt nicht gefragt, wann genau wir frühestens den Test  machen könnten.
Die Mädchen im Internetforum begannen damit, mich mit ihren Fragen zu sticheln: ob ich zur Blutprobe ins Institut gehen muss und wenn ja, wann? Zu diesem Zeitpunkt ist es mir klar geworden, dass diese glückliche Ignoranz einmal zu Ende gehen wird.
Bald ist etwas schreckliches passiert. Das Mädchen, das die Embryotransfer eine Woche vor mir hatte, machte zu Hause den Schwangerschaftstest. Der Test war positiv. Sie ist gleich zum Institut gefahren, wo eine Blutprobe von ihr genommen wurde. Dieses Ergebnis wurde negativ. Es stellte sich heraus, dass bei ihr die Schwangerschaft wahrscheinlich angefangen hatte, die Einpflanzung ist vorgefallen, die Babies sind aber dann doch nicht im Mutterleib geblieben. Sie sind abgestorben, man kann aber bei solchen Fällen manchmal noch wochenlang hohe HCG-Werte messen.
Das bewegte mich. Ich kannte dieses Mädchen, das mittlerweile mehrere Versuche hinter sich hatte, als jemanden, die mir sehr nahe steht, und wollte auf keinen Fall ähnliches erleben. Ich habe schon oft genug wegen unsere Misserfolge geweint, aber ich wusste, dass es noch Schlimmeres gibt: wenn jemand die Vorstellung, schwanger zu sein, als Fakt betrachtet, und dann hinnehmen muss, das die Schwangerchaft nur ein Wunschtraum war.
Ich habe den Arzt angerufen, und ihm gesagt, dass wir eine Blutprobe machen wollten. Er sah keine Hindernisse, so erhielten wir einen Termin für Dienstag morgen.
Montag war also der letzte Tag der Ungewissheit.
Montagnachmittag kam Ádám müde von der Arbeit. Wir haben miteinander gesprochen. Und das Gespräch wandelte sich unaufhaltsam zu einem Streit. Er sprach nämlich wieder die Sache mit Erika an, und bat mich, meine Anmerkungen aus dem Internetforum doch zu löschen. Nicht, dass Erika Recht gehabt hätte, nur des Friedens wegen.  Damit ich mich auch wohl fühlen kann.
Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Seit zwei Wochen kämpfte ich um die Zweifel, und die negativen Gefühle in meinem Inneren unterzudrücken, und jetzt konnte ich einfach nicht mehr weiter. Seit zwei Wochen arbeitete ich daran, mir vorzustellen, was Lovászi, mein Therapeut sagen würde/ könnte, damit ich es schaffe, die Gedanken, die mit elementarischen Kräften aufbrechen, die seit meiner Geburt von meinen Eltern in mich gepflanzt wurden,  zurückzudrängen. Ich versuchte, mir selbst zu erklären, dass Erika nichts schlimmes für mich gewünscht hatte, sie hatte eben etwas Trost gesucht, deshalb war sie an dem Tag zu uns gekommen. Sie erfasste die Situation aus ihrer Sicht, nicht aus meiner, und hat nicht daran gedacht, dass sie mir schaden kann. Nicht das war ihr Ziel.
Lovászi stand aber nicht bei mir, da er sich gerade auf eine Prüfung vorbereitete, und wir nahmen noch Anfang des Monats Abschied von einander, um eine kurze Pause einzulegen. Ich stand alleine da: ausgeliefert und schutzlos.
Mein Verstand und mein Herz gerieten ins Wirbel, und ich rief  Ádám:
„Hör auf damit! Hör auf damit! Weisst du wirklich nicht, dass du gerade dabei bist... mich zu abortieren?! Du tötest gerade unsere Kinder!!!!”
Ich konnte nicht einmal ihm vertrauen in dieser feindlichen Umgebung. Ich konnte nichts mehr vertrauen.
Er ging raus, und schluchzte auf das Bett gebeugt im anderen Zimmer. Ich blieb auf dem Sofa sitzen.

Später ging ich zu ihm. Ich berührte ihn. Er wendete sich aber nicht zu mir.

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